1. Einladung an die Ministerin

2. Weiter unten: Reizthema Lesen durch Schreiben und die Methodenfreiheit

 

              Landesgruppe Schleswig-Holstein

                        – Vorstand Grundschulverband SH –
Prof. Dr. Beate Blaseio – Auf dem Campus 1 – 24943 Flensburg – blaseio@web.de


An das
Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

des Landes Schleswig-Holstein
Z.H. Frau Ministerin Karin Prien
Jensendamm 5


24103 Kiel

Flensburg, 03.12.2017

  Gesprächstermin – Situation an den Grundschulen in Schleswig-Holstein

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,

der Grundschulverband e.V. (www.grundschulverband.de) setzt sich bundesweit und in den einzelnen Bundesländern bildungspolitisch für die Grundschule ein.
Wir möchten die Stellung der Grundschule als grundlegende Bildungseinrichtung verbessern und die notwendigen Investitionen für ihren Ausbau zur zeitgemäßen und kindgerechten Schule von den politisch Verantwortlichen einfordern, schulpädagogisch die Reform der Schulpraxis und der Lehrerbildung entsprechend den Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis unterstützen und wissenschaftlich neue Erkenntnisse über die Bildungsmöglichkeiten und Ansprüche von Kindern fördern und verbreiten.

Der Vorstand der Landesgruppe Schleswig-Holstein des Grundschulverbandes möchte mit Ihnen als zuständige Ministerin für die Grundschulen des Landes über die Situation der Grundschulen, der Grundschullehrkräfte und der Grundschulkinder in unserem Bundesland ins Gespräch kommen.

Uns geht es darum, Ihnen unsere Positionen einer „guten grundlegenden Bildung in der Grundschule“ darzulegen und mit Ihnen Wege einer gemeinsamen Umsetzung zu diskutieren.

Vorrangig möchten wir mit Ihnen über folgende Themen sprechen:

– Praktizierte Inklusion in den Grundschulen
– Neue Fachanforderungen für die Grundschule

– Grundschulbrief – Qualität von Grundschulunterricht, Leistung der Kinder

– Ausbau der digitalen Bildung in der Grundschule
– Lehrermangel an Grundschulen und nicht-qualifizierte Lehrkräfte an Grundschulen

– Belastung und Besoldung der Grundschullehrkräfte

Der Vorstand des Grundschulverbandes SH möchte Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch einladen.
Da wir über keine eigenen Räumlichkeiten als Verband verfügen, könnte unser Treffen mit Ihnen und mit Mitgliedern unseres Vorstandes in der Europa-Universität Flensburg oder in der Grundschule Steinbergkirche stattfinden.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Einladung annehmen.

Wir danken Ihnen für eine Nachricht.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Beate Blaseio

Vorsitzende der Landesgruppe SH des Grundschulverbandes

Der Brief zum Download: GSV Brief Grundschule 2017_Endstand-1

Reizthema Lesen durch Schreiben und die Methodenfreiheit

Der Text zum Download: Lesen durch Schreiben

In Baden- Württemberg hat sich Ministerin Eisenmann schon sehr in die Nesseln gesetzt mit dem Versuch eines Verbotes. Im Bundesvorstand des Grundschulverbandes werden aktuell Überlegungen getroffen, ob juristisch überhaupt die Möglichkeit besteht, Methoden verbieten zu lassen. Die Methodenfreiheit darf, unserer Meinung nach, nicht angetastet werden. Es wäre doch abstrus, würde sich das Verkehrsministerium einmischen, in welcher Form eine Werkstatt einen Winterreifenwechsel, Inspektionen, etc. durchführen sollte. Es geht am Ende um das Ziel, ein sicheres Auto zu haben.

Es gilt bei jeder Methode: sie ist so gut und erfolgreich, wie die Lehrkräfte, die sie verwenden.

Das gilt auch für alle anderen Leselernmethoden. Wir kennen niemanden im Umkreis, der die nach Prof. Reichen in den 80-er Jahren eingeführte Leselernmethode in Reinform anwendet. Auch hier ist die Entwicklung von Wissen und Material voran geschritten. Viele gute Lehrkräfte haben mit der Methode Kinder zum Leseerfolg gebracht und die Freude am Schreiben gefördert.

Alle zeitgemäßen Anfangsmaterialien der bekannten Verlage haben inzwischen Anlauttabellen, mit denen Kinder lautgetreu schreiben lernen können, um durch sinnvolle schriftliche  Kommunikation den Umgang und den Nutzen von Buchstaben kennen zu lernen. Wir sprechen im Deutsch- Anfangsunterricht auch von Schreibanlässen, für die Wörter, Sätze und Listen in Textbücher usw. geschrieben werden. Ein Kind im Anfangsstadium des Schrift -Spracherwerbs kann natürlich nicht alles gleichzeitig lernen. Also geht es vorrangig in den beiden ersten Jahren um den Leseerwerb und das Fördern des sinnentnehmenden Lesens. Sobald ein Kind so weit entwickelt ist, steigt es in den Rechtschreiblernprozess ein. Einige sind schon nach einem halben Jahr so weit, dass sie Rechtschreibung in den Focus nehmen können, was natürlich nicht heißt, dass sie sofort alles richtig schreiben können und müssen. Sehr gute didaktische Erläuterungen findet man hierzu bei Beate Lessmann, Mitarbeiterin des IQSH.

Kinder, die länger zum Lesenlernen brauchen, starten gemäß ihrer Auffassungsfähigkeit auch später mit dem Rechtschreiblernen. Von Anfang an erhalten alle Kinder Wortvorlagen für ein- bis dreisilbige Wörter, die auch richtig abgeschrieben werden sollen. Die Kindergehirne arbeiten aber nicht wie Handyprogramme, die ein neu markiertes Wort für immer richtig wiedergeben. Kindergehirne sind auf Lernen als Prozess eingerichtet. Evolutionsbiologisch können wir das nicht übergehen (s. Vester, Hüther, Spitzer, Largo, Renz- Polster etc.).

Ein Beispiel aus der Kleinkindentwicklung: ein Kind, das Laufen lernt, kann doch nicht sofort einen lockeren, sportlichen Laufstil zeigen. Niemand käme auf die Idee, Kindern im Prozess des Laufenlernens ein sogenanntes richtiges Laufen beizubringen, geschweige denn zu verbieten, wackelig zu laufen. Stolpern, hinfallen, Fehler machen, sind hier ein selbstverständlicher Schritt in einem Prozess.

Beim Sprechenlernen korrigiert niemand ein Kleinkind, wenn es nicht sofort flüssig und grammatikalisch korrekt spricht. Auch hier gehören Fehler zum Hirnleistungsprozess.

Der Lese- und Schreibentwicklungsprozess ist ebenso komplex und geht natürlich auch in Schritten voran. Dabei ist die phonologische Entwicklung sehr zu beachten. Das bedeutet, dass Kinder hören müssen, wie unsere Laute klingen. Und welch Erfolg ist es, wenn ein Kind schon nach 14 Tagen nach der Einschulung oder sogar vor dem Schuleintritt einen Einkaufszettel schreibt : AIN BIA, ZUkA, ABFEl usw. Damit ist es kommunikationsfähig. Dieser Prozess ist lernförderlich zu begleiten und tritt natürlich in den Klassen 3 und 4 immer stärker in den Hintergrund und ist dann auch abgeschlossen. Lautgetreues Schreiben hat einen entscheidenden Wert im Anfangsunterricht und gehört zum Bereich freies Schreiben der Lehrpläne von 1997. Leider hält das Ministerium die Fachanforderungen für die GS zurück, obwohl wir wissen, dass es sie schon im IQSH gibt. Damit zeigt sich auch hier ein erschreckend altertümliches Verharren und Verweigern von Qualitätsverbesserung von ministerieller Ebene ausgehend.

Der Glaube, dass sich falsche Schreibungen einprägen würden, ist hirnforschungsmäßig widerlegt. Das wäre ja umgekehrt nur zu schön. Dann würde durch hundertmaliges Schreiben, z. B. des Wortes Fahrrad, endlich immer die richtige Schreibung dieses Wortes garantiert sein. So ist es leider nicht. Aber das Üben von Rechtschreibung ist selbstverständlich nötig.

In den Schulen wird zusätzlich selbstverständlich mit Arbeitsmaterialien gearbeitet, die richtig geschriebene Wortbilder zeigen und Kinder müssen  diese nachschreiben. Das Nachschreiben von Wortvorlagen ist aber nicht die Garantie, dass die Hirnleistung, die dafür benötigt wird, das Kind zu einem guten Rechtschreiber macht.

Das lautgetreue Schreiben führt zu einer sinnhaften Auseinandersetzung mit der Phonologie. Kinder sind bei der Einschulung in ihrer Entwicklung 3 Jahre auseinander. Somit müssen Methoden verwendet werden, die dieser Entwicklungsspanne und dieser Verschiedenheit der Hirnzustände gerecht werden.  Und wenn wir wollen, dass die hohe Zahl der funktionalen Analphabeten sinkt, müssen wir stark das sinnentnehmende Lesen schulen. In diesem Bereich hat der Schweizer Professor Reichen vielen vor mittlerweile 30 Jahren die Augen geöffnet. Schon damals wurde durch Studien widerlegt, dass die Rechtschreibleistungen negativ beeinflusst würden.

In den Klassenstufen 3 und 4 liegt der Fokus verstärkt auf Rechtschreibung und das Lesen und Verstehen immer längerer Texte. Das Ziel sind die bundesweit geltenden Bildungsstandards, die Kinder wegen ihrer unterschiedlichen Begabungen natürlich unterschiedlich gut erreichen. Die Gründe für schwache Leistungen liegen bekanntermaßen an vielen Faktoren, wie z. B. prekären Familienverhältnissen, Armut usw. Nicht bestimmte Methoden führen zu schlechten Ergebnissen. Ignorante Bildungspolitiker_innen, die ihre Kernaufgaben nicht erkennen, schaden dem Bildungserfolg unserer Kinder.

Wenn unsere Bildungsministerin wegen des politischen Drucks des Koalitionsvertrages nach Kleinkram- Konflikten sucht, wie in der Methodik und wie auch bei der Festlegung der Schrift, die Kinder lernen sollen, zeigt sie laienhafte, erschreckende Unkenntnis. Da sie sich auch vom IQSH nicht fortbilden und beraten lässt, wird der rückwärtsgerichtete Weg zu Widerstand mit Eltern und Lehrkräften führen. Eine stümperhafte Bildungspolitik wird damit einmal mehr zu Lasten der Kinder ausgetragen.

Die Baustelle Bildungsungerechtigkeit wird nicht bearbeitet und Scheinaufgaben im Kleinen werden auf falsche Weise zur Ablenkung vom Wesentlichen benutzt.

Dass die Medien dazu skandalöse Fakenews drucken, ist verantwortungslos.

Andrea Keyser

Mitglied im Bundesvorstand des Grundschulverbandes

Mitglied im Landesvorstand der Landesgruppe Schleswig-Holstein